27 Februar 2008
Der (Un)sinn der Feinstaubplakette
Geschrieben von Martin Dieck under: Alles zur Feinstaubplakette .
Seit 01.01.2008 muss man sie nun haben. Wenn man in die Innenstadt von Hannover, Berlin oder Köln fahren will muss die Feistaubplakette hinter Windschutzscheibe kleben. Mit dieser Plakette werden dann alle Fahrzeuge, die einen höheren lSchadstoffausstoß haben und nicht mindestens die Euro 2 Norm erfüllen aus diesen Städten verbannt.
Die „Umleitung Umweltzone“
Will man nur von A nach B so fährt das schadstoffarme Fahrzeug einfach auf dem gewohnten Weg durch die Stadt. Das weniger umweltfreundliche Fahrzeug wird hingegen gezwungen teilweise erhebliche Umwege zu fahren. Damit wird per Gesetz der Schadstoffausstoß vervielfacht und insbesondere die Feinstaubbelastung erhöht. In Hannover gibt es sogar eine ausgeschilderte „Umleitung Umweltzone“, die den Verkehr der Bundesstrasse 6, eine der meistbefahrenen Verkehrachsen in Hannover, um die Messstation herumführt. Diese Umleitung müssen ab jetzt alle Fahrzeuge mit höherem Schadstoffausstoß nehmen. Die Umleitungsstrecke ist mehr als 2,5 mal solang, wie der direkte Weg und es sind deutlich mehr Ampeln, an denen man halten und natürlich wieder anfahren muss. Dadurch wird sich der Schadstoffausstoß für diese Teilstrecke mindestens verdreifachen.
Das die Ortstafeln der Stadt Hannover abgeschraubt und gegen Schilder mit der Aufschrift „Stadt Schilda – Region des Unsinns“ ausgetauscht werden sollen, ist jedoch nur ein Gerücht.
Woher kommt er, der Feinstaub?
Unter Feinstaub versteht man in der Luft schwebende Partikel mit einer Größe von weniger als 10 µm (PM10). Feinstaub wird ausgestoßen von Industrieanlagen, Feuerungsanlagen der Haushalte, Elektrizitäts- und Fernheizwerken und natürlich vom Straßenverkehr. Weitere Quellen der Feinstaubbelastung sind: Saharastaub, Gischt der Meere, Partikelneubildung in der Atmosphäre, Verwitterung von Gesteinen, Waldbrände.
Aber auch mikroskopisch kleine Lebewesen schwirren in der Luft und auch die Pollen vieler windbestäubender Pflanzen, die bei immer mehr Menschen den Heuschnupfen verursachen, gehören zur Feinstaubbelastung. Ebenso enthält auch der Rauch von Tabakwaren erhebliche Mengen davon.
Nicht zuletzt trägt auch unsere moderne Landwirtschaft dazu bei. In Europa dürften etwa 9% der Feinstaubbelastung auf die Landwirtschaft zurückzuführen sein. Dabei kommt etwa die Hälfte aus Massentierhaltung und der Rest im Wesentlichen von Ackerflächen durch Winderosion.
Nach Angaben des Bundesumweltamtes trägt der gesamte Verkehr in Deutschland etwa mit 65000 t zur Feinstaubbelastung in Deutschland bei. Das sind insgesamt etwa 30 % der gesamten Feinstaubbelastung. Dabei werden zwei Drittel der Emissionen vom Straßenverkehr ausgestoßen. Der übrige Verkehr trägt mithin noch mit rund 22000 t zur Feinstaubbelastung bei. Das ist also u.a. der Schienenverkehr, bei dem alleine der Bremssand, den z.B.: Straßenbahnen benötigen, 6000 t der Feinstaubbelastung ausmacht.
Die Diesel PKW, die man mit der Feinstaubplakette nun endgültig aus den Straßen deutscher Städte ausschließen will, machen knapp 7% der Gesamtbelastung aus. Das sind rechnerisch 4550 t des gesamten Feinstaubes. Alleine der Bremssand den der Schienenverkehr benötigt macht also eineinhalbmal so viel aus. Auch die Landwirtschaft produziert mehr Feinstaub als die Diesel PKW.
Diesel aus der Stadt und die Welt ist in Ordnung?
Dies ist ein Trugschluss. Leider löst ein solcher Ansatz unser Feinstaubproblem nicht einmal ansatzweise. Dieselfahrzeuge waren und sind in der Regel teurer als Benziner und höher besteuert. Dadurch lohnen sich diese Fahrzeuge als PKW nur auf langen Strecken. Der Großteil der Diesel-km wird folglich eben nicht in den Städten, sondern außerhalb zurückgelegt. Dabei machen Pendler und Menschen mit wechselnden Einsatzorten den Löwenanteil aus.
Woher kommt dann der Feinstaub?
In erster Linie wird der Staub aus dem Umland herangetragen. Der lokal freigesetzte Anteil spielt nur eine untergeordnete Rolle. Eine Studie des Österreichischen Bundesumweltamtes zeigt am Beispiel der Stadt Wien, dass etwa 60% des PM10-Feinstaubes aus dem Ausland durch Ferntransport mit dem Wind herangetragen werden. 15% stammen aus Österreich und nur 25% direkt aus dem Ballungsraum von Wien. Lokale Freisetzungen können zwar erhebliche Spitzen in den Messwerten verursachen sind aber in den durchschnittlichen 25% enthalten.
Wie sieht die aktuelle Situation in Hannover aus?
Die Auswirkungen des Verkehrs auf die Feinstaubbelastung kann man an aktuellen Situationen studieren. Auf den Internetseiten des Umweltbundesamtes werden die Messdaten der verschiedenen Messstationen unseres Landes veröffentlicht.
Ende Februar, genau am Freitag den 22.02.08, haben die Warnstreiks des öffentlichen Dienstes die ÜSTRA in Hannover lahm gelegt. Wie wirkt sich das auf die Feinstaubbelastung aus?
Leider sind die Messdaten für den Zeitraum vom 21.02 bis 23.02 dieses Jahres für beide Messstationen in Hannover nicht verfügbar. Ein Zufall? Waren die Messwerte so hoch, dass man sie nicht veröffentlichen wollte? Wahrscheinlich wollte man aber nicht zeigen, dass der zusätzliche Verkehr überhaupt keine Erhöhung der Feinstaubbelastung zur Folge hatte. Für das Umland von Hannover wurden folgende Werte veröffentlicht:
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Datum |
15.02. |
16.02. |
17.02. |
18.02. |
19.02. |
20.02. |
21.02. |
22.02. |
23.02. |
24.02. |
25.02. |
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µg/m³ |
10-20 |
10-20 |
20-30 |
40-60 |
40-60 |
30-40 |
50-70 |
10-30 |
30-40 |
30-50 |
10-20 |
Bei einer Menge von 50µg/m³ liegt der Grenzwert, der Gesundheitsschäden verursachen kann. Dieser Wert wurde einige Tage vor dem Streik mehrfach erreicht. Am 22.02. jedoch sank der Wert in den Keller. Rund um Hannover gab es nichts, außer frischer und gesunder Landluft.
Das mag daran liegen, dass viele Pendler einfach zu Hause blieben und nicht zur Arbeit gefahren sind, aus Solidarität zu ihren Kollegen, die mit dem öffentlichen Nahverkehr nun nicht zur Arbeit kommen konnten. Möglicherweise wurde aber auch einfach kein Bremssand verstreut, da ja die Straßenbahnen in den Depots blieben. Oder es hat einfach nur geregnet!
Letzteres ist der Fall. Am 22.02. hatte es genieselt. Meine Wetterstation zeigte nur 0,6mm Niederschlag an, aber diese Menge reichte aus, den Staub auf den Straßen zu binden. Die Luft blieb sauber, obwohl der Verkehr an diesem Tage aufgrund des Streikes deutlich zugenommen hatte. Tatsächlich hat die Feinstaubbelastung eher etwas mit dem Wetter zu tun als mit den Dieselfahrzeugen. Dies zeigt auch die folgende Grafik:
Immer wenn es Niederschlag gibt ist also im Verlauf der letzten 30 Tage die Belastung gesunken. Bei trockenem Wetter schaukelt sich die Feinstaubbelastung hingegen allmählich auf. Die Feinstaubwerte der Tabelle sind einer Grafik des Umweltbundesamtes entnommen, die Niederschlagswerte stammen aus meiner Wetterstation.
Die Tabelle oben und die Grafik machen also deutlich, dass die Feinstaubsituation in Hannover stärker vom Wetter abhängt, als von der Verkehrslast. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass die Fahrer der Dieselfahrzeuge morgens aus dem Fenster schauen und wenn es regnet, lieber mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, damit das Auto nicht dreckig wird.
Aus den veröffentlichten Messdaten des Umweltbundesamtes kann man noch weitere Zusammenhänge lesen:
Die Jahresmittelwerte der Stadt Hannover weichen kaum von der Feinstaubbelastung anderer Niedersächsischer Regionen ab. Die Luft in der Innenstadt von Hannover ist also im Durchschnitt genauso sauber, wie die Luft auf den Ostfriesischen Inseln oder in der ländlichen Gegend südlich von Oldenburg. Lediglich direkt an einer der Hauptverkehrsachsen unserer Landeshauptstadt sind die Werte deutlich höher. Der Messfühler steht direkt neben der B6 in Hannover. Dies liegt aber nicht an den Dieselfahrzeugen, sondern allgemein an der hohen Verkehrslast. Durch den Verkehr wird der Straßenstaub aufgewirbelt und an den Messfühler getragen. Würde man die Straße mit entsprechenden Maschinen täglich feucht reinigen, so wäre die Feinstaubbelastung minimiert. Aber dazu muss Geld aus öffentlichen Haushalten bereitgestellt werden. Da ist es schon einfacher täglich Tausende von Fahrzeugen eine „Umleitung Umweltzone“ fahren zu lassen, damit sie eben nicht direkt an der Messstation vorbeifahren. Der Bürger hat dann das Nachsehen. Aber die Messwerte werden bestätigen, dass die Umweltbelastung an dieser Stelle sinkt. Keiner wird mehr davon reden, dass der Feinstaub nur wenige 100m entfernt in dreifacher Höhe produziert wird, um dieses Ergebnis zu erreichen.
Die Maximalwerte, die an den verschiedenen Messstationen gemessen wurden zeigt die folgende Grafik:
Dabei ist auffallend, dass auf den Ostfriesischen Inseln und in Südoldenburg Werte erreicht wurden, die es im beobachteten Zeitraum zu keiner Zeit in Hannover gab. Nicht einmal direkt neben der B6! Liegt das am Schiffsverkehr der Nordsee oder an den unzähligen Traktoren, die im Jahre 2006 auf den Feldern sinnlos hin und her gefahren sind? Wohl kaum. Nach diesem Ergebnis kann man auch den folgenden Schluss ziehen: Dieselmotoren raus aus dem Land und rein in die Stadt!
Die letzte Grafik zeigt, dass die Messdaten in der Stadt Hannover mit Ausnahme des Sommers 2003
mit den ländlichen Gegenden konkurrieren können und die Zahl der Tage an denen die Grenzwerte überschritten werden in den meisten Jahren sogar niedriger sind als z.B. auf den Ostfriesischen Inseln, in Ostfriesland oder in Südoldenburg. Nur die obere Kurve weicht ab. Dies wurde aber wieder aus Messwerten unmittelbar neben der B6 erstellt.
Was lernen wir daraus?
Wollen Sie Urlaub machen, dann können Sie das überall in Niedersachsen getrost tun. Nur bei lang anhaltendem heißem und trockenem Wetter müssen Sie damit rechnen, dass es staubt. Es staubt überall ein bisschen. In der Stadt, auf dem Land und auf den Inseln. Nur eine Regel sollte der Urlauber beherzigen: Schlage niemals Dein Zelt neben einer Bundesstraße auf und erst recht nicht 2 m neben dem Bordstein.
Die Grafiken oben sind erstellt aus Messdaten der Jahre 2000 bis 2006. Also alle Messwerte sind aus Zeiten vor der „Feinstaubplakettenära“. Und die Luft in der Stadt ist genauso (un)gesund wie auf dem Lande – auch mit Dieselfahrzeugen.
Was sollten die Politiker daraus lernen?
Haltet die Straßen sauber! Erhöht die Schlagkraft der Reinigungsdienste! Setzt Kehrmaschinen ein, die den Straßenstaub feucht aufnehmen!
Aber lasst die Autofahrer in Ruhe. Die sind schon genug bestraft mit höheren Steuern, Mineralölsteuern, Mehrwertsteuern und sogar Mehrwertsteuern auf die Mineralölsteuern.
Statt die Dieselfahrzeuge mit einer aufwendigen Plakettenregelung aus den Städten zu verbannen, könnte man auch den Straßenbahnen das Bremsen verbieten, die Nahrungsmittelproduktion in Deutschland einstellen, Flugzeuge und Eisenbahnen verbieten, die Sahara befeuchten oder schlicht den Wind abstellen.
Jede dieser Maßnahmen hätte einen größeren Effekt als die Feinstaubplakette.
Und welchen Sinn macht es, dass alle kommunalen Fahrzeuge und Sonderfahrzeuge weiter ohne Plakette fahren dürfen?
1 Kommentar ...
Fixierte Zeit » Blog-Archiv » Arm aber sexy. Und umweltbewusst. schrieb:
5 März 2008 at 07:31.
[...] In Berlin tritt heute nach der Einführung der Feinstaubplakette im Januar die nächste Umweltmaßnahme in Kraft: Der Betrieb von U-Bahn, Tram und Bussen [...]